Mary-Ann und ich haben uns über die Branche kennengelernt. Im Gespräch wurde schnell klar: Ihre Events entstehen nicht am Reißbrett der Location, sondern in der Redaktion.
Kapitel 01Vom Splash-Festival zum B2B-Kongress
Dass Mary-Ann, heute die Konzeption für hochkarätige Fachkongresse verantwortet, war so nicht geplant. Mit 17 träumte sie noch davon, das Splash-Festival zu organisieren. Nach den besorgten Ratschlägen ihrer handwerklich geprägten Familie entschied sie sich jedoch zunächst für ein Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt, mit dem Ziel, in den politischen Journalismus zu gehen.
Auf der Suche nach einem Werkstudentenjob bei großen Medienhäusern stieß sie auf eine Ausschreibung der dfv Mediengruppe. Statt eines Redaktionsjobs landete sie in einem Assistenzjob im Verlagshaus, genauer in der Veranstaltungsabteilung – der dfv Conference Group.
Selbstbewusst bewarb sie sich, punktete mit ihren Recherche-Skills und landete mitten in der Eventbranche. „Ich habe mich dort sehr schnell wohlgefühlt. Als ehemalige Kellnerin fiel mir die Arbeit auf der Veranstaltungsfläche extrem leicht“, erinnert sie sich.
Apropos Kellnern: Mary-Ann schwört auf die Schule der Gastronomie. Drei Jahre lang arbeitete sie nebenbei bei L'Osteria – während Corona fuhr sie sogar mit dem Lieferando-Rucksack Pizza aus. „Ich kann jedem empfehlen, ein paar Jahre in der Gastro zu arbeiten. Es bringt Selbstbewusstsein, Struktur, Teamfähigkeit und Resilienz. Wenn auf einem Event alle Stricke reißen, hilft dir genau dieser Pragmatismus.“
Kapitel 02Das Event als redaktionelles Produkt
Mary-Anns Job ist es, die inhaltliche Brücke zwischen Eventmanagement und Redaktion zu schlagen. Sie verantwortet die Bühnenprogramme für Veranstaltungen rund um die Food-, Beverage- und Handelsbranche, oft in sehr enger Zusammenarbeit mit der Fachredaktion der Lebensmittel Zeitung (LZ).
Wie spürt man Trends auf, bevor sie Mainstream werden? „Zu früh gibt es eigentlich fast nicht“, sagt Mary-Ann lachend. Sei es der massive Boom von Protein- und Longevity-Produkten oder der Einfluss von KI im Lebensmitteleinzelhandel. Die Inspiration dafür holt sie sich überall: bei Branchenkollegen, auf internationalen Messen (Anuga, Internorga, PLMA), aus dem US-amerikanischen Markt oder sogar abends beim Grillen mit der Familie, wenn sie plötzlich das Etikett einer neuen Wein-Handelsmarke analysiert.
„Wo LZ draufsteht, ist auch LZ drin. Wir sind nicht nur der Dienstleister für die Location, sondern entwickeln die Inhalte gemeinsam mit den Redakteuren. Das schafft enorme Glaubwürdigkeit.“
Mary-Ann über den journalistischen Anspruch ihrer Kongresse
Kapitel 03Mut zur Reibung: Kontroversen gehören auf die Bühne
Ein großer Fehler bei vielen Panel-Diskussionen: Alle auf der Bühne sind sich einig. Für Mary-Ann ist das ein absolutes No-Go. Ein echtes Highlight ihrer Karriere war ein Panel zum Thema Nachhaltigkeit, für das sie bewusst Vertreter von Mars, Nestlé, Tönnies und dem Verbraucherschutz zusammen auf die Bühne holte.
„Ich war selbst überrascht, dass alle zugesagt haben. Aber es zeigt, dass sich diese Unternehmen der Kritik stellen wollen und müssen“, erklärt sie. Zwar gab es im Publikum spürbaren Unmut und kritische Fragen in den Q&A-Sessions, doch genau diese Reibung macht ein Event wertvoll. Mit professioneller Moderation, die kritische Fragen charmant, aber bestimmt formuliert, entsteht so ein ehrlicher Branchenaustausch, der weit über weichgespülte PR-Phrasen hinausgeht.
Gleiches gilt für das Thema Sponsoring. Wer bei der dfv Conference Group auf die Bühne will, kann sich diesen Platz nicht einfach erkaufen. Jeder Beitrag muss redaktionell geprüft werden und dem Publikum einen echten, fachlichen Mehrwert bieten – reine Verkaufspräsentationen sind tabu.
Kapitel 04Der Wandel der Branche: Networking zieht gleich mit Agenda
Auch wenn der inhaltliche Anspruch extrem hoch ist, beobachtet Mary-Ann einen gewaltigen Shift in der Kongress-Welt: „Das Networking fängt an, das Bühnenprogramm abzuhängen. Für viele ist der Austausch auf den Gängen inzwischen genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als der Vortrag im Saal.“
Für etablierte Veranstaltungen ist das ein Segen. „Es ist wie ein jährliches Klassentreffen. Bei manchen Formaten könntest du sechs Wochen vorher das Programm veröffentlichen und hättest trotzdem schon einen vollen Saal, weil die Leute wegen der Community kommen.“ Wer jedoch ein neues Event-Format (unter fünf Jahren am Markt) etablieren möchte, hat es heute schwerer denn je. Hier muss man Monate im Voraus mit extrem starken Inhalten, innovativen Side-Events (wie Store-Tours) und absoluten Top-Speakern trommeln, um die Zielgruppe zu überzeugen.
Trotzdem darf das Erlebnis nicht zu kurz kommen. B2B bedeutet schon lange nicht mehr nur trockene Vorträge in sterilen Sälen. „Wir machen Themen greifbar. Bei einem KI-Kongress stellen wir eine KI-Fotobox auf, bei Gastro-Themen muss das Catering herausragend sein. Fachlicher Content ist der Türöffner, aber die Emotion und das Erlebnis bringen die Gäste im nächsten Jahr zurück.“
Vier Dinge zum Mitnehmen
- Gastro als Lebensschule: Gastronomie-Erfahrung schult Belastbarkeit, Pragmatismus und Kommunikation – die wichtigsten Skills im Event-Business.
- Reibung erzeugt Spannung: Besetze Panel-Diskussionen bewusst kontrovers. Wenn alle derselben Meinung sind, reicht auch ein einzelner Speaker.
- Vorsicht bei verkauften Slots: Sponsoren-Pitches auf der Bühne können der Glaubwürdigkeit schaden, wenn sie schlecht abgestimmt sind. Jeder Beitrag muss einen echten redaktionellen Mehrwert liefern.
- Das Erlebnis zählt: Auch hochgradig fachliche B2B-Kongresse brauchen emotionale Highlights und exzellentes Networking, um im Gedächtnis zu bleiben.
Warum starke Inhalte das beste Marketing sind
Was mich an dem Gespräch mit Mary-Ann am meisten fasziniert hat, ist dieser unglaublich tiefe und journalistische Anspruch, den sie an ihre Events stellt. In einer Branche, in der es oft darum geht, wer das meiste Budget für die krasseste Party-Location ausgibt, zeigt Mary-Ann, dass Substanz am Ende immer siegt.
Die Konsequenz, Sponsoren auch mal abzulehnen oder Themen so kontrovers zu besetzen, dass es im Publikum knistert, erfordert Mut. Doch genau dieser Mut ist es, der aus einem austauschbaren Branchentreffen eine echte Institution macht. Wer es schafft, exzellenten Content mit einem emotionalen Rahmen zu verbinden, kreiert Veranstaltungen, die bleiben.