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Interview · Event Experience

Schluss mit Schema F: Wie Burcu Peric Events in echte Gänsehaut-Momente verwandelt

Staubige Tagungshotels, stundenlange Monologe und lauwarmes Catering: Viele Business-Events folgen noch immer demselben starren Muster. Doch nachhaltige Begeisterung entsteht nicht durch bloße Logistik, sondern durch unvorhergesehene Überraschungsmomente und echte Emotionen. Freelance Event & Experience Managerin Burcu Peric bringt ihren Anspruch auf den Punkt: „I turn budgets into goosebumps.“

Ein Gespräch von Franziska Grabow 26. August 2026 8 Min. Lesezeit Gast: Burcu Peric
Burcu Peric richtet eine lange, weiß gedeckte Tafel in einem historischen Raum ein
Burcu Peric bei der Vorbereitung einer Tafel — für sie entsteht die Wirkung eines Events in den Details. Foto: privat.

Im Interview mit Moderatorin Franziska Grabow gewährt die Hamburger Event-Strategin tiefgehende Einblicke in ihre Arbeitsphilosophie und ihren Karriereweg. Sie zeigt eindrucksvoll, warum die Eventbranche dringend mehr Mut zu neuen, unverbrauchten Wegen braucht.

Kapitel 01Vom Werbefilm zum Krisen-Pivot: Ein Karriereweg mit Haltung

Burcus Weg ins Event-Business begann im klassischen Umfeld der Markenkommunikation. Nach ihrem Studium startete sie bei der Hamburger Werbefilmproduktion Markenfilm GmbH & Co. KG, wo sie schnell von der Freelancerin zur Assistant to Management und Head of Communication aufstieg. Inspiriert durch ihren selbstständigen Vater übernahm sie dort mit großer Begeisterung interne sowie externe Events.

Der Schritt in die eigene Selbstständigkeit folgte prompt: Gemeinsam mit einer Kollegin gründete sie die Agentur alley events. Als die Pandemie das Business-Event-Geschäft quasi über Nacht lahmlegte, bewies das Team enorme Flexibilität und steuerte rasch in die Nische des High-End-Wedding-Plannings um, da Hochzeiten in kleinerem Rahmen noch erlaubt waren. Nach der Agenturschließung aus privaten Gründen und einem kurzen Ausflug in eine Festanstellung als Director of Events in einem renommierten Hamburger Luxushotel zog Burcu schließlich konsequent die Reißleine:

„Aufgeben heißt nicht immer Aufgeben im klassischen Sinne – manchmal ist es einfach die mutigere Entscheidung.“

Burcu Peric

Sie entschied sich vollends für die Freiberuflichkeit. Dass Sichtbarkeit auf Plattformen wie LinkedIn anfangs Überwindung kostet, zahlte sich schnell aus: Innerhalb von nur vier Monaten gewann sie über ihre aktive Kommunikation zwei neue Projekte. Heute betreut sie als Freelancerin verschiedenste Formate für namhafte Marken. Zu ihren Kunden zählen unter anderem Pernod Ricard (mit Brand Experiences für Lillet, Havana Club oder Absolut Vodka), Breuninger sowie der Helmut Lingen Verlag.

Lillet-Sampling-Stand mit QR-Code, den eine Passantin mit dem Smartphone scannt Gekühlte Dosen von Absolut Cocktails und Havana Club in einer Wanne mit Eis
Brand Experiences für Pernod Ricard: Sampling-Aktionen für Lillet, Absolut und Havana Club. Fotos: privat.

Kapitel 02Hygiene vs. Magie: Warum Corporate Events mehr „Festival“ brauchen

Perfekte Ablaufpläne und Pünktlichkeit sind im Event-Management essenziell – für Burcu sind das jedoch reine „Hygiene-Faktoren“, also der absolut vorauszusetzende Standard. Die eigentliche Magie entsteht erst durch das Unerwartete. Da viele Veranstalter in Deutschland oft noch davor zurückschrecken, ausgetretene Pfade zu verlassen, plädiert Burcu für eine konsequente Festivalisierung von Corporate Events:

  • Die Location als Botschaft: Warum sollte man ein Jahres-Kickoff zum Thema „Teamwork“ schon wieder in einem sterilen Hotel-Konferenzraum abhalten? Miete stattdessen eine Basketballhalle – so spricht der Raum die Kernbotschaft bereits ganz für sich allein.
  • Atmosphärische Details: Statt sterilem Häppchen-Catering wandern auf den Tribünen einfach Hotdogs durch die Reihen.
  • Mut zur organischen Lücke: Es besteht eine große Gefahr, Events zu überladen. Programmpunkte sollten nicht starr von morgens bis abends durchgetaktet sein. Ein richtig gutes Event lässt den Gästen Freiräume zum echten Networken und einfach nur zum „Sein“, damit das Erlebnis nicht zu inszeniert wirkt.
Gäste auf einer Dachterrasse unter Lichterketten mit Blick über die Stadt in der Abenddämmerung
Launch-Event auf dem Dach: Raum, Licht und Freiräume zum Netzwerken tragen die Botschaft mit. Foto: privat.

Kapitel 03Raus aus dem E-Mail-Chaos: Tools & echte Erfolgsmessung

Ein weiteres großes Learning aus dem Gespräch: Die Eventbranche arbeitet im Hintergrund oft noch sehr „oldschool“ mit verstaubten Outlook-Postfächern. Bei der enormen Fülle an Inboxes, Dienstleister-Absprachen und Bestellungen verliert man so schnell den Überblick. Burcu setzt hier an und unterstützt ihre Kunden strategisch dabei, Projektmanagement-Tools einzuführen, um die enorme Komplexität effizienter zu steuern.

Auch beim schwierigen Thema Erfolgsmessung (KPIs) hat sie eine klare Haltung. Zwar gibt es mittlerweile Kameras, die auch sehr gute Insights generieren können, doch man muss die Ergebnisse differenziert betrachten – gerade bei der Messung von Emotionen: Lächelt der Gast wegen der gelungenen Marken-Aktivierung oder wegen einer lustigen WhatsApp-Nachricht auf seinem Handy? Bei großen Veranstaltungen können solche Tools für bestimmte KPIs durchaus sinnvoll sein, bei anderen muss man jedoch genauer hinschauen. Burcu selbst setzt am liebsten auf gezielte Kundenumfragen nach dem Event. Eine weitere wertvolle Quelle für belastbare Insights ist die enge Verzahnung mit der Social-Media-Abteilung des Kunden.

Mobile Absolut-Sensations-Bar mit Sonnenschirm und Liegestühlen auf einem Platz in der Stadt
Brand Activation im öffentlichen Raum: Aufbau einer Absolut-Sensations-Bar. Foto: privat.

Kapitel 04Der „Jeff-Bezos-Stuhl“: Vom Gast aus denken

Viele Unternehmen haben bei Veranstaltungen oft nur ein Ziel vor Augen: das eigene Brand-Logo möglichst groß und oft an die Wand zu projizieren. Das Ziel der reinen Markendarstellung ist dann zwar formal erfüllt, aber der Gast geht am Ende völlig unberührt nach Hause. Burcu nutzt deshalb gerne das Bild des „Jeff-Bezos-Stuhls“: In Management-Meetings bei Amazon ließ Bezos stets einen Stuhl leer – symbolisch reserviert für den Kunden.

„Denke nie nur vom Kunden aus, sondern immer vom Kunden des Kunden – also dem Gast. Was soll er fühlen? Welcher Moment bleibt hängen?“

Burcu Peric

Wie wirkungsvoll dieser „Guest-First Mindset-Shift“ sein kann, zeigt ein Beispiel aus Burcus Praxis: Bei einer Weihnachtsfeier für eine Unternehmensgruppe bekam jede einzelne Tochtergesellschaft eine kleine, geheime Aufgabe. Eine Abteilung plante einen Überraschungs-Auftritt, die andere kümmerte sich speziell um das Catering-Paket. Das Ergebnis war ein grandioser Flashmob, bei dem persönliche Noten einflossen und aus passiven Konsumenten aktive Mitgestalter wurden. Zugehörigkeit, so Burcu, ist das stärkste Gefühl, das ein Event überhaupt erzeugen kann.

Lange gedeckte Tische in einer Industriehalle unter Lichterketten und Kerzenschein Festlich gedeckte Tafel mit Kerzen vor einem beleuchteten Weihnachtsbaum hinter großen Fenstern
Weihnachtsfeiern für Unternehmensgruppen: aus passiven Gästen werden Mitgestalter. Fotos: privat.

Kapitel 05Die Pitch-Falle: „Porsche versprochen, Ford geliefert“

Wer kennt es nicht aus dem Agentur-Alltag? In Pitches werden wunderschöne Moodboards gezeigt und alle erdenklichen KPIs garantiert, um den Job zu gewinnen. Am Ende reicht das Budget in der Umsetzung jedoch nicht aus, um das Traumschloss aufzubauen. Burcu, die Kunden oft bei Agentur-Pitches begleitet, fordert hier radikale Transparenz von Beginn an:

  • Klare Priorisierung: „Eure Kernziele 1 bis 3 setzen wir mit dem vereinbarten Budget perfekt um.“
  • Transparente Extras: „Ziele 4 und 5 sind ‚Nice to have‘ und erfordern definitiv XY Euro mehr Budget.“
  • Nachhaltiges Vertrauen: Nur eine von Beginn an realistische und ehrliche Budgetplanung schützt vor bösen Überraschungen am Veranstaltungstag und sichert wirklich langfristige Kundenbeziehungen.

Kapitel 06Lösungsorientiertes Mindset & das „Wer kennt wen“-Netzwerk

Wer an der Front des Event-Managements steht, muss mit extremem Druck umgehen. Burcus wichtigste Strategien für mentale Gesundheit nach über 10 Jahren in der Branche basieren auf drei klaren Prinzipien:

  1. Solution-Oriented Mindset: Fehler passieren. Wenn der Caterer im Stau steht, bringt es am Eventtag absolut nichts, sich stundenlang aufzuregen oder Schuldige zu suchen. In diesem Moment zählt nur eine Frage: Wie lösen wir das Problem JETZT?
  2. Das verlässliche Dienstleister-Netzwerk: Der größte Hack gegen Stress sind Partner, die denselben hohen Qualitätsanspruch teilen. Burcu wählt neue Dienstleister am liebsten über persönliche Empfehlungen aus („Wer kennt wen?“) und prüft bereits bei der ersten Anfrage, wie proaktiv und schnell kommuniziert wird.
  3. Gesunde Grenzen setzen: Die Branche neigt leider oft zu toxischen Überstunden nach dem Motto „Einer macht den Job von zehn“. Burcu nimmt heute schlichtweg keine Aufträge mehr an, wenn das Bauchgefühl oder die Werte nicht stimmen. Das bedeutet kurzfristig zwar vielleicht weniger Umsatz, zieht langfristig aber genau die wertschätzenden Kunden an, mit denen die Arbeit Freude macht.

Vier Dinge zum Mitnehmen

  • Ablaufplan und Pünktlichkeit sind Hygiene-Faktoren, kein Erfolg. Der Unterschied entsteht im Unerwarteten.
  • Die Location trägt die Botschaft: Wer über Teamwork spricht, braucht keinen Hotel-Konferenzraum.
  • Nicht durchtakten. Freiräume im Programm sind die Voraussetzung für echtes Networken.
  • Vom Gast des Kunden aus denken — und im Pitch von Anfang an sagen, was das Budget hergibt.
Franziskas Fazit

Leidenschaft, die durch den Bildschirm ansteckt

Als Moderatorin dieses Gesprächs möchte ich zum Schluss noch einen ganz persönlichen Eindruck teilen: Wir haben uns für dieses Interview zwar „nur“ digital über den Bildschirm unterhalten, aber ich konnte Burcus enorme Begeisterung und Leidenschaft für Events regelrecht physisch spüren. Ihre Energie ist im Gespräch völlig übergesprudelt – und das war unfassbar schön zu sehen. Man merkt in jedem Satz, in jedem Lachen und an jedem ihrer Praxisbeispiele, dass sie diesen Beruf nicht nur routiniert ausübt, sondern ihn wirklich liebt und mit vollem Herzen dabei ist. Genau dieser Funke ist es wohl, der am Ende auch bei ihren Events auf die Gäste überspringt.

Was meinst du? Welches klassische Event-Format kannst du absolut nicht mehr sehen und wie würde deine perfekte Traum-Konferenz in einer Basketballhalle aussehen? Lass uns auf LinkedIn diskutieren.

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